Charttechnik · Zwei-Kerzen-Formationen

Zwei Kerzen, zwei Richtungen — und derselbe Schlusskurs.

Die Counterattack Line ist die stillste Formation im Kerzenchart: Am Ende steht der Kurs da, wo er am Vortag schon stand. Kein Fortschritt, kein Signal — und trotzdem ein Umschwung, den man lesen kann. Wie sie aussieht, wovon du sie unterscheiden musst und warum es für sie keine belastbare Trefferquote gibt, steht hier. Zwei Aufgaben zum Selbermachen sind dabei.

Erst mal ohne Chart: die Runde, die keiner gewinnt

Betriebsfest, langer Tisch, jemand hat Armdrücken vorgeschlagen. Du hast die ersten beiden Runden verloren, und zwar nicht knapp.

Dritte Runde. Der Schiedsrichter gibt frei — und in der ersten Sekunde reisst er dich fast auf die Platte runter. Das war's, denken alle. Ein paar am Tisch drehen sich schon weg und reden über was anderes.

Und dann kommt der Arm zurück. Nicht schnell, aber er kommt. Millimeter für Millimeter, bis er wieder exakt senkrecht steht. Zeit ist um. Kein Punkt für keinen.

Auf dem Zettel steht danach null zu null. Aber jeder am Tisch hat gesehen, wer alles in die erste Sekunde gelegt hat — und wer aus der schlechtesten Lage zurückgekommen ist.

Startpunkt und Endpunkt liegen auf derselben Höhe — dazwischen liegt die ganze Geschichte.

Genau dieses Bild — erst noch weiter weg, dann zurück auf exakt denselben Stand — heisst im Chart Counterattack Line.

Was dabei auf dem Chart passiert

Zwei Kerzen genügen. Die erste läuft mit dem bestehenden Trend: im Abwärtstrend ein kräftiger roter Tag, die Verkäufer haben durchgezogen.

Der zweite Tag eröffnet mit einer Kurslücke noch tiefer — unter dem Schlusskurs des Vortags, oft sogar unter dessen Tief. Bis dahin sieht alles nach Fortsetzung aus, und wer zur Eröffnung auf fallende Kurse setzt, fühlt sich bestätigt.

Dann kippt die Sitzung. Die Käufer übernehmen, holen die Lücke zurück und schieben den Kurs bis auf das Niveau des Vortagsschlusses. Dort schliesst der Tag. Nicht darüber, nicht darunter — darauf.

Wer morgens short gegangen ist, sitzt am Abend auf einem Verlust. Wer die Position über Nacht gehalten hat, steht exakt bei null. Zwei Tage, kein Fortschritt — und trotzdem hat sich die Stimmung gedreht. Genau dieser Umschwung ist das, was man hier liest, nicht die einzelne Kerze.

Die blaue Linie ist der Schlusskurs von Kerze 1. Sie ist der einzige Bezugspunkt dieser Formation.
Kerze 1 · der Vorsprung

Lange Kerze in Trendrichtung

Fortsetzung des bestehenden Trends. Grosser Körper, klarer Druck in eine Richtung. Ohne den Trend davor ist das ganze Bild bedeutungslos.

Grosser Körper · in Trendrichtung
Ihr Schlusskurs ist der Massstab
Kerze 2 · der Gegenangriff

Gegenkerze, die genau ausgleicht

Eröffnet mit einer Lücke in Trendrichtung, dreht die Sitzung komplett und schliesst annähernd auf dem Schlusskurs von Kerze 1.

Eröffnung mit Lücke · Schluss ≈ Schluss 1
Je höher das Volumen, desto überzeugender

Beide Richtungen, eine Mechanik

Die Formation gibt es spiegelverkehrt. Was sich dreht, sind die Farben und die Richtung der Kurslücke — nicht die Regel.

Links Bullish im Abwärtstrend, rechts Bearish im Aufwärtstrend.
  • BullishAbwärtstrend, Kerze 1 rot. Kerze 2 eröffnet mit Lücke tiefer, dreht und schliesst grün auf dem Vortagsschluss.
  • BearishAufwärtstrend, Kerze 1 grün. Kerze 2 eröffnet mit Lücke höher, dreht und schliesst rot auf dem Vortagsschluss.

Alle Kursverläufe auf dieser Seite sind erzeugt, keine Marktdaten. Sie zeigen die Form, nicht einen konkreten Wert.

Die Nachbarschaft: alles hängt an einer Linie

Die Counterattack Line hat mehrere Nachbarn, die fast genauso aussehen. Sie unterscheiden sich in genau einer Grösse: wo die zweite Kerze schliesst, gemessen am Schlusskurs von Kerze 1.

Dieselbe Kerze 1, dieselbe Kurslücke, dieselbe Skala — nur der grüne Schluss wandert nach oben.
  • zu kurzDie Gegenkerze dreht, kommt aber nicht bis zum Vortagsschluss zurück. Der Ausgleich ist misslungen — es gibt kein Patt und damit keine Formation.
  • CounterattackSie schliesst auf dem Vortagsschluss. Das gesuchte Bild.
  • ThrustingSie läuft darüber hinaus, in den roten Körper hinein, bleibt aber unter dessen Mitte. Andere Familie, andere Messlatte: die 50-%-Marke.
  • PiercingSie schliesst über der Körpermitte, aber unter dem oberen Ende. Eigene Formation, eigener Name.
  • Bullish EngulfingSie schliesst über dem ganzen Körper. Noch eine Stufe weiter.

Die Counterattack Line ist die einzige der fünf, die sich am Schlusskurs misst. Alle anderen messen sich am Körper.

Das ist auch der Grund, warum sie so oft falsch benannt wird: Wer ein Piercing Pattern erwartet und die Körpermitte sucht, übersieht die Formation, die exakt eine Ebene tiefer liegt — und umgekehrt.

Jetzt du: zwei Aufgaben

In der ersten Aufgabe läuft ein Abwärtstrend, und für den nächsten Tag stehen drei Varianten blass daneben — meist zwei Nachbarn und die echte Formation. In der zweiten suchst du selbst: In einem langen Verlauf stecken zwei gebaute Formationen, die du per Klick markierst. Und ein Regler bestimmt, ab wann zwei Schlusskurse für dich dasselbe Niveau sind — er entscheidet mit, wie viele Stellen im selben Chart überhaupt als Treffer durchgehen.

Vorgehen in Aufgabe A: Erst schauen, ob überhaupt ein Abwärtstrend da ist. Dann prüfen, ob Kerze 2 mit einer Lücke tiefer eröffnet. Und erst dann auf die blaue Linie gucken — den Schlusskurs von Kerze 1. In dieser Reihenfolge, nicht andersherum.
Vorgehen in Aufgabe B: Erst suchen — klick im Chart auf die grüne Kerze einer Formation. Bei jedem Fehlklick bekommst du den gemessenen Abstand der beiden Schlusskurse genannt, direkt neben deiner eingestellten Toleranz. Wenn du alle hast, zieh den Regler nach rechts: Der Chart bleibt derselbe, aber plötzlich sind es viel mehr Treffer. Jede Markierung sagt selbst, ob sie gebaut ist oder nur der Toleranz verdankt.

Bestätigung: aus dem Patt wird erst später eine Richtung

Das Muster allein ist ein Unentschieden, kein Kaufsignal. Bestätigt wird die bullische Variante erst, wenn eine Folgekerze über dem Hoch von Kerze 2 schliesst — die bärische entsprechend mit einem Schluss unter deren Tief.

Das ist eine strengere Hürde als bei den Nachbarn. Beim Piercing Pattern reicht vielen schon ein weiterer steigender Tag; hier braucht es einen Schluss über der gesamten Spanne der Gegenkerze. Der Grund liegt in der Formation selbst: Sie hat per Definition nichts gewonnen, also muss der Beweis von aussen kommen.

Besonders aussagekräftig wird das Bild, wenn es auf einer Zone auftaucht, die der Kurs schon mehrfach getestet hat. Dann deutet es auf einen erneuten Abpraller an genau diesem Level hin. Das ist eine Lesekonvention, keine Aussage darüber, was der Kurs tun wird — und einzelne Verläufe können weit über das hinausgehen, was man erwartet hätte.

Erst der Schluss über dem Hoch von Kerze 2 macht aus dem Patt eine Richtung.

Wie ich das einordne

Das ist mein eigenes Raster, keine Regel und keine Empfehlung. Andere lesen dieselben Kerzen anders.

Sechs Lagen, die im Chart wirklich vorkommen.
Was im Chart stehtWas das über die Stimmung sagtWie ich das einordne
Kein Trend davor Es gibt keine Seite, deren Stimmung kippen könnte Kein Bild
Ohne Trend ist die Formation bedeutungslos. Ich schaue sie mir dann gar nicht erst genauer an.
Keine Kurslücke bei der Eröffnung Die Gegenseite wurde nie eingesammelt Andere Formation
Ohne die Lücke fehlt der Teil, der die Formation überhaupt erzählt. Dann ist es irgendeine Gegenkerze.
Schlusskurse dicht beieinander, hohes Volumen Der Umschwung wurde von vielen getragen Deutliches Patt
Der Fall, auf den diese Lektion zuläuft. Auch hier gilt: einzelne Verläufe können völlig anders weitergehen, und zwar in beide Richtungen.
Schlusskurse „ungefähr“ gleich Sagt mehr über meine Toleranz als über den Markt Nachmessen
Ich schreibe die Differenz in Prozent auf, bevor ich das Bild benenne. Sonst finde ich die Formation überall.
Folgekerze schliesst über dem Hoch von Kerze 2 Die Gegenseite bleibt dran Bestätigt
Erst hier ist der Umschwung für mich mehr als eine Momentaufnahme.
Folgekerze fällt unter das Tief Der Trend hat zurückgeholt, was er verloren hatte Hinfällig
Ich streiche das Bild wieder. Ein Muster, das nicht bestätigt wird, ist keins mehr.

Die Reihenfolge zählt: erst Trend, dann Ort, dann Struktur, dann Bestätigung. Wer bei der Struktur anfängt, findet die Formation überall.

Die vier Fehler, die fast alle machen

  • Fehler 1Direkt nach Kerze 2 eingestiegen. Das Muster ist ein Patt, kein Schalter. Ohne die Bestätigungskerze handelt man auf eine halbe Information.
  • Fehler 2„Ungefähr gleicher Schluss“ zu grosszügig ausgelegt. Die beiden Schlusskurse sollten wirklich nah beieinanderliegen, nicht nur in der Region. Genau das zeigt Aufgabe B.
  • Fehler 3Das Muster isoliert betrachtet. Ohne Blick auf Unterstützung und Widerstand fehlt der Ort — und der Ort trägt hier mehr als die Form.
  • Fehler 4Den übergeordneten Trend ignoriert. Gegen einen starken, intakten Trend zu handeln erhöht das Risiko deutlich.

Mir ist Fehler 2 selbst lange passiert. Ich habe „praktisch derselbe Schluss“ gesagt und dabei ein halbes Prozent gemeint. Als ich das einmal ausgezählt habe, war klar: Ich hatte mir die Formation nicht gefunden, sondern gemacht.

Was das Muster nicht kann

Hier muss ich ehrlich sein: Für Counterattack Lines gibt es keine breit bestätigte Auswertung, die ich dir seriös als Trefferquote hinstellen könnte.

Bei Dark Cloud Cover oder Piercing Pattern gibt es geprüfte Zahlen, auf die man sich beziehen kann. Hier ist die Quellenlage dünn und teils widersprüchlich. Manche Analysen deuten sogar an, dass die bullische Variante entgegen der klassischen Lehrmeinung eher als Fortsetzung als als Umkehr wirkt.

Ich könnte jetzt trotzdem eine Zahl nennen. Ich lasse es lieber — und genau das ist der Punkt: Ein Musternamen ist kein Beleg. Was bleibt, sind Struktur, Ort und Bestätigung, und die kannst du selbst nachprüfen.

Lehrbuchmässig — und danach elf Tage weiter nach unten.

Dazu kommt: In durchgehend gehandelten Märkten gibt es kaum Eröffnungslücken. Dort eröffnet Kerze 2 selten deutlich unter dem Vortagstief, und das Bild taucht in seiner Lehrbuchform fast nie auf. Und auf sehr kleinen Zeitebenen entstehen so viele Zwei-Kerzen-Bilder, dass ständig irgendwo eines steht — je kürzer der Zeitrahmen, desto beliebiger.

Eine Formation ist eine Beobachtung, kein Grund. Der Grund muss aus dem Trend, dem Umfeld und deinem eigenen Plan kommen.

Und das Wichtigste zum Schluss: Ein Umkehrbild ändert nichts daran, dass Kurse weiter fallen können, bis nichts mehr übrig ist. Kein Muster schützt davor.

Deine Aufgabe für diese Woche

Dreissig Sekunden, kein Geld. Nimm einen Wert, den du ohnehin im Depot hast oder beobachtest, und stell den Chart auf Tageskerzen.

  • 1Geh die letzten sechs Monate durch und such Tage, die mit einer Lücke in Trendrichtung eröffnen.
  • 2Lies bei jedem dieser Tage beide Schlusskurse ab — den des Vortags und den dieses Tages — und notier die Differenz in Prozent.
  • 3Entscheide dann selbst, ab welchem Wert du das noch „dasselbe Niveau“ nennst. Nur nachschauen, nichts kaufen und nichts verkaufen.

Schritt 3 ist der eigentliche Punkt. Wer seine eigene Toleranz einmal aufgeschrieben hat, redet sich später kein Muster mehr schön — und merkt schnell, wie selten die saubere Form wirklich vorkommt.

Sitzt es?

Kerze 1 ist rot und läuft von 110 auf 100. Kerze 2 eröffnet bei 97 und schliesst bei 100,05. Was steht da?

Kerze 2 eröffnet mit einer Lücke unter dem Vortagsschluss und schliesst mit 100,05 praktisch genau darauf — 0,05 % Abstand. Das ist die Counterattack Line. Ein Piercing bräuchte einen Schluss über der Körpermitte, also über 105; ein Engulfing einen Schluss über 110.

Was unterscheidet die Counterattack Line vom Piercing Pattern?

Beide beginnen gleich: kräftige Kerze in Trendrichtung, Gegenkerze mit Lücke. Der Unterschied ist allein die Messlatte — Schlusskurs gegen Körpermitte. Und beide Formationen gibt es in bullischer und bärischer Ausführung.

Eine saubere Bullish Counterattack Line steht im Chart. Was folgt daraus?

Die Formation beschreibt einen Stimmungsumschwung an zwei Tagen, an deren Ende der Kurs gleich steht. Ein Kursziel lässt sich daraus nicht ableiten, und ohne Bestätigung entscheidet das Bild nichts.

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