Der IV Rank & IV Percentile
Eine IV von 30 % ist keine Information. Ob teuer oder billig, entscheidet der Vergleich mit der Historie — und welchen der zwei üblichen Vergleiche du nimmst, kann das Ergebnis um fast 80 Punkte verschieben.
Die nackte Zahl sagt nichts
Die Implizite Volatilität ist die wichtigste Kennzahl im Optionshandel — sie steckt direkt im Preis jeder Option. Nur: „IV = 30 %“ allein ist wertlos. Für einen Versorger ist das Ausnahmezustand, für einen Biotech-Titel ein ruhiger Dienstag.
Du brauchst den Vergleich mit der eigenen Geschichte des Basiswerts, üblicherweise über die letzten 252 Handelstage — ein Börsenjahr. Dafür gibt es zwei Werkzeuge. Beide laufen von 0 bis 100, sehen also gleich aus. Sie messen Verschiedenes.
IV-Rank
Nimmt nur Hoch und Tief des Jahres und setzt den heutigen Wert dazwischen. „Wo stehe ich in der Spanne?“
IV-Percentile
Zählt jeden einzelnen Handelstag: „An wie vielen Tagen war die Volatilität niedriger als heute?“
Die Ausreißer-Falle
Weil der Rank an nur zwei Punkten hängt, verbiegt ein einziges Ereignis die ganze Skala. Das klassische Szenario: Eine Aktie liegt ein Jahr lang bei 20 % IV. Dann ein kurzer Crash, die IV schießt für zwei Tage auf 120 %. Danach beruhigt sich der Markt bei 30 %.
Der Rank zeigt 12 und schreit „billig“. Das Percentile zeigt 89 — teurer als an fast neun von zehn Tagen.
Beide rechnen korrekt. Nur beantwortet der Rank eine Frage, die niemand gestellt hat — nämlich wie weit du vom Crash-Hoch entfernt bist. Anfänger lesen die 12 als Boden. In Wahrheit steht der Basiswert im oberen Ende seiner eigenen Verteilung. Der Spike hat die Skala verzerrt, nicht die Optionen verbilligt.
Wie ich die zwei Zahlen zusammen lese
Ich schaue nicht auf den einen oder den anderen Wert, sondern auf beide nebeneinander. Interessant sind die Fälle, in denen sie auseinanderlaufen.
| Rank | Percentile | Was los ist | Wie ich das einordne |
|---|---|---|---|
| hoch ≥ 70 | hoch ≥ 70 | Volatilität wirklich hoch, breit bestätigt | Short-Vol-Umfeld Historisch fällt die IV aus diesem Bereich häufiger zurück. Wann das passiert, sagt die Kennzahl nicht — und einzelne Ausnahmen können groß ausfallen. |
| niedrig | hoch | Ein alter Ausreißer drückt den Rank | Statistisch teuer Der niedrige Rank kommt vom alten Spike, nicht von günstigen Optionen. |
| niedrig ≤ 30 | niedrig ≤ 30 | Ruhe, von beiden Seiten bestätigt | Long-Vol-Umfeld Beide Kennzahlen bestätigen: gemessen an der eigenen Historie günstig. |
| hoch | niedrig | Selten: enge Spanne, heute am oberen Rand | Kein klares Bild Die beiden Kennzahlen widersprechen sich ohne erkennbaren Grund. |
Was die zwei Zahlen nicht können
Beide schauen nach hinten. Sie beschreiben das vergangene Jahr — über morgen sagen sie nichts.
Ein Rank von 100 ist keine Decke. Er heißt nur: höher war die IV in den letzten 252 Tagen nicht. Weiter steigen kann sie trotzdem, und sie kann monatelang oben bleiben. Wer eine hohe Zahl als „muss jetzt wieder fallen“ liest, verwechselt eine Beschreibung der Vergangenheit mit einer Prognose. Genau in diesen Phasen können einzelne Verluste sehr groß ausfallen — auch dann, wenn die Statistik über viele Fälle in eine andere Richtung zeigt.
Dazu kommt die zweite Grenze: das Fenster von 252 Tagen ist eine Konvention, kein Naturgesetz. Ein Wert, der im Ein-Jahres-Fenster wie ein Rekord aussieht, kann im längeren Bild ein ruhiger Dienstag sein. Und ein Jahr mit einem einzigen Panik-Tag lässt alles danach billig wirken, obwohl sich am Basiswert nichts geändert hat.
Zwei Kennzahlen ersetzen keine Positionsgröße.
Sitzt es?
Rank 15, Percentile 80. Was heißt das?
An 80 % aller Tage war die IV niedriger als heute. Der niedrige Rank kommt allein vom hohen Jahres-Hoch. Die Käuferseite ist hier statistisch teuer.
Wie viele Tage des Jahres benutzt der IV-Rank?
Genau deshalb ist er anfällig: ein einziger Spike setzt das Hoch und verschiebt die ganze Skala.
Rank und Percentile stehen beide bei 85. Wie ist das Umfeld einzuordnen?
Beide Werte hoch heißt: gemessen an der eigenen Historie teure Optionen, breit bestätigt. Was daraus folgt, hängt von Depot, Risikotragfähigkeit und Zeithorizont ab — die Kennzahl allein entscheidet nichts.
Der IV-Rank steht bei 100. Was folgt daraus?
100 heißt nur: heute liegt die IV auf dem Hoch ihres Messfensters. Das Fenster ist ein Jahr — was danach kommt, steckt in keiner der beiden Zahlen. Deshalb der Blick auf den längeren Chart.