Ein gutes CRV lügt, wenn die Trefferquote fehlt.
Ein Chance-Risiko-Verhältnis von 3:1 klingt nach einem guten Trade — bis du weißt, dass du dabei in sechs von zehn Fällen verlierst. Ob sich ein Setup lohnt, entscheidet nie eine der beiden Zahlen allein. Im Labor kannst du CRV und Trefferquote gegeneinander verschieben und siehst live, ab wann aus der Rechnung ein Verlustgeschäft wird.
Zwei Zahlen, eine Rechnung
Bevor du eine Position eröffnest, stehen drei Punkte fest: Einstieg, Kursziel, Verlustbegrenzung. Aus zweien davon ergibt sich das Chance-Risiko-Verhältnis (CRV) — wie groß der mögliche Gewinn im Verhältnis zum Risiko ist, das du vorher festgelegt hast.
Allein sagt das CRV trotzdem wenig. Ein CRV von 3:1 ist nur dann etwas wert, wenn du auch weißt, wie oft du damit überhaupt gewinnst — deine Trefferquote.
CRV
Setzt den möglichen Gewinn ins Verhältnis zum möglichen Verlust eines Trades.
Trefferquote
Wie oft ein Setup überhaupt gewinnt — sagt nichts über die Größe der Gewinne oder Verluste.
Die Break-even-Falle
Viele Einsteiger jagen einer möglichst hohen Trefferquote hinterher. Dabei hängt die nötige Mindestquote allein vom CRV ab:
Bei einem CRV von 1:1 brauchst du eine Trefferquote über 50 %, nur um die Gewinnschwelle zu erreichen. Bei einem CRV von 3:1 reichen dafür schon 25 %.
Vertreter A gewinnt 70 % seiner Abschlüsse bei CRV 1:1. Vertreter B gewinnt nur 40 % bei CRV 3:1 — und hat trotzdem den höheren Erwartungswert pro Abschluss.
Rechnerisch verdient Vertreter B pro Abschluss mehr, obwohl er deutlich öfter ein Nein hört. Genau das ist der Denkfehler: die Trefferquote fühlt sich wichtiger an, als sie ist. Das erklärt auch die hohe Trefferquote vieler Stillhalter-Strategien nüchtern: sie ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit — wer ein schlechtes CRV handelt, muss sehr oft recht haben, nur um nicht zu verlieren.
Die Mindest-Trefferquote im Überblick
Diese Tabelle zeigt, welche Trefferquote ein CRV mindestens braucht, um die Gewinnschwelle zu erreichen — nicht um Gewinn zu machen, nur um bei null rauszukommen.
| CRV | Break-even-Trefferquote | Wie ich das einordne |
|---|---|---|
| 3 : 1 | 25,0 % | Trägt sich über die Größe Der Fall von Vertreter B — auch bei häufigem Verlieren tragfähig. |
| 2 : 1 | 33,3 % | Trägt sich leichter Ein Drittel Trefferquote reicht rechnerisch zum Break-even. |
| 1 : 1 | 50,0 % | Münzwurf-Schwelle Über die Hälfte muss sitzen, sonst reicht die Größe der Gewinne nicht. |
| 1 : 2 (CRV 0,5) | 66,7 % | Braucht viel Trefferquote Ohne eine sehr hohe Quote trägt sich das rechnerisch nicht. |
| ca. 1 : 3,5 (CRV 0,28) | ca. 78 % | Typisches Stillhalter-CRV Braucht eine sehr hohe Trefferquote — genau deshalb wählt man dort Strikes mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit. |
Formel: 1 ÷ (CRV + 1) × 100. Die Schwelle allein sagt nichts über die tatsächliche Trefferquote deines Setups — die kommt aus deiner eigenen Statistik, nicht aus der Tabelle.
Rechenbeispiel: der Bull Put Spread
Ein Bull Put Spread mit Maximalgewinn 110 $ und Maximalrisiko 390 $ hat ein CRV von 110 ÷ 390 ≈ 0,28.
Heißt: dieser Spread muss in rund 4 von 5 Fällen aufgehen, nur um die Null zu halten. Genau deshalb wählt man bei solchen Strukturen Strikes mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit — das CRV lässt keine andere Wahl.
Der Erwartungswert: beide Zahlen zusammengedacht
Trefferquote und CRV ergeben erst zusammen ein Urteil. Die Kennzahl, die beides vereint, ist der Erwartungswert — der durchschnittliche Gewinn oder Verlust, den ein Trade über viele Wiederholungen einbringt.
Ist der Erwartungswert positiv, verdient eine Strategie über viele Trades — auch wenn einzelne Trades verlieren. Ist er negativ, verliert sie auf Dauer, egal wie gut sich einzelne Gewinner anfühlen.
| Profil | Trefferquote | Ø-Gewinn / Ø-Verlust | Erwartungswert |
|---|---|---|---|
| Stillhalter-Profil | 80 % | 100 $ / 350 $ | +10 $ je Trade |
| Long-Options-Profil | 35 % | 500 $ / 200 $ | +45 $ je Trade |
Stillhalter-Profil: 0,80 × 100 $ − 0,20 × 350 $ = 80 $ − 70 $ = +10 $. Positiv, aber dünn — ein paar zu große Verlierer kippen das schnell ins Minus. Long-Options-Profil: 0,35 × 500 $ − 0,65 × 200 $ = 175 $ − 130 $ = +45 $. Trotz niedriger Trefferquote deutlich profitabler, weil das CRV stimmt.
Dieselbe Rechnung erklärt auch, warum ein fast immer gewinnender Trader trotzdem verlieren kann: reichen ein paar zu große Verlierer, drücken sie den Erwartungswert unter null — unabhängig davon, wie oft er vorher recht hatte. Und Verlustserien gehören zu jeder Strategie mit positivem Erwartungswert dazu, nicht nur zu schlechten.
Was CRV und Trefferquote nicht können
Beide Zahlen beschreiben, was du geplant oder in der Vergangenheit gemessen hast — nicht, was als Nächstes passiert. Ein gutes CRV auf dem Papier ist wertlos, wenn das Kursziel nicht an der Marktstruktur hängt, sondern am Wunschdenken.
Und selbst ein mathematisch sauberes Setup mit hohem CRV verliert in der Mehrheit der Trades — je höher das CRV, desto niedriger die Trefferquote, die dafür reicht. Verlust-Serien von sieben, acht oder mehr Trades sind bei einem CRV von 4:1 keine Ausnahme, sondern Teil der Rechnung; einzelne Serien können auch deutlich länger ausfallen. Wie lang eine bestimmte Serie tatsächlich wird, sagt keine der beiden Kennzahlen vorher.
Kein CRV ersetzt eine Positionsgröße, die zu deinem Konto passt.
Sitzt es?
CRV 1:1, Trefferquote 45 %. Was heißt das für den Erwartungswert?
Bei CRV 1:1 liegt die Mindest-Trefferquote bei 50 %. Mit 45 % liegt der Erwartungswert unter null — unabhängig vom Kontostand.
Warum kann Vertreter B mit nur 40 % Trefferquote profitabler sein als Vertreter A mit 70 %?
Der Erwartungswert ergibt sich aus Trefferquote und CRV zusammen: 40 % × 3R − 60 % × 1R ergibt einen höheren Wert als 70 % × 1R − 30 % × 1R.
Was sagt ein CRV von 3:1 allein über die Wahrscheinlichkeit aus, dass der Trade gewinnt?
Das CRV beschreibt nur das Verhältnis von Gewinnziel zu Risiko. Wie oft der Trade tatsächlich gewinnt, ist eine eigene Statistik — keine Folge des CRV.
Stillhalter-Profil: Trefferquote 80 %, Ø-Gewinn 100 $, Ø-Verlust 350 $. Wie hoch ist der Erwartungswert je Trade?
0,80 × 100 $ − 0,20 × 350 $ = 80 $ − 70 $ = +10 $. Positiv, aber dünn — wenige zu große Verlierer reichen, um daraus ein Minus zu machen.