Charttechnik · Zwei-Kerzen-Formationen

Zwei perfekte Kerzen — und die Lücke, die keine Ausnahme kennt.

Das Kicking Pattern ist eines der dramatischsten Bilder im Kerzenchart: zwei entgegengesetzte Marubozu-Kerzen, komplett getrennt durch eine echte Kurslücke. Es ist gleichzeitig eines der seltensten — und genau diese Kombination verführt dazu, mehr hineinzulesen, als wirklich drinsteckt. Wie es wirklich aussieht, welche vier Fehler es am häufigsten verwässern und warum seine Seltenheit einer sauberen Trefferquote im Weg steht, steht hier. Zwei Aufgaben zum Selbermachen sind dabei.

Erst mal ohne Chart: die Runde ohne ein einziges Zögern

Kartbahn, Fahrertraining. Du fährst deine schnellste Runde des Tages: Von der Ampel bis zur Ziellinie drückst du nur in eine Richtung — mehr Gas.

Keine einzige Bremsung, kein einziges Zögern. Die komplette Runde ist ein einziger Ruck nach vorne, bis zur schnellsten Zeit, die du je gefahren bist.

Boxenstopp, Fahrerwechsel. Der nächste Fahrer setzt sich rein — und irgendwas ist heute anders. Schon beim Start ist er langsamer, als du gestern in deiner schwächsten Sekunde je warst. Und dann bremst er einfach weiter, die ganze Runde, ohne ein einziges Mal wieder Gas zu geben.

Zwei Runden — und keine einzige Sekunde, in der sie sich je berührt haben.

Genau dieses Bild — ohne jedes Zögern in eine Richtung, eine Lücke, die sich nie schliesst, und dann in die komplette Gegenrichtung — heisst im Chart Kicking Pattern.

Was dabei auf dem Chart passiert

Zwei Kerzen genügen, aber beide müssen sehr genaue Kriterien erfüllen. Eine Kerze ohne Zögern nennt man Marubozu: Eröffnung und Schluss liegen praktisch auf den beiden Extremen — kaum oder gar kein Docht auf keiner Seite.

Beim Kicking Pattern treffen zwei entgegengesetzte Marubozu-Kerzen aufeinander, getrennt durch eine echte Kurslücke. Entscheidend: Die komplette Handelsspanne der zweiten Kerze liegt ausserhalb der Spanne der ersten — kein Überlappen, kein „fast“. Das ist strenger als bei den meisten anderen Lückenmustern, bei denen ein Gap über dem Vortagsschluss reicht.

Beide Kerzen ohne Docht. Spiegelverkehrt läuft dieselbe Mechanik mit Rot und Grün vertauscht — Bearish Kicking im Aufwärtstrend.
Kerze 1 · die Runde ohne Bremsung

Marubozu in Trendrichtung

Ein langer Körper, praktisch ohne Docht. Der Kurs eröffnet quasi am Extrem und schliesst am Extrem — keine Gegenwehr der anderen Seite während der ganzen Sitzung.

Docht ≈ 0 % der Handelsspanne
Ihr Hoch bzw. Tief ist die Kante, die Kerze 2 nicht berühren darf
Kerze 2 · die Runde, die nie zurückkommt

Entgegengesetzter Marubozu, jenseits der Lücke

Eröffnet mit einer echten Kurslücke komplett ausserhalb von Kerze 1 und läuft ebenso durchgezogen in die Gegenrichtung — wieder kaum Docht auf beiden Seiten.

Spanne 2 komplett ausserhalb Spanne 1
Beide Kerzen deutlich grösser als die umliegenden

Ein Umkehrmuster ohne Pflichttrend davor

Die meisten Umkehrmuster brauchen einen Trend, den sie umdrehen können. Beim Kicking Pattern ist das anders: Es kann sowohl am Ende eines Trends als auch mitten in einer bestehenden Bewegung auftauchen.

Gleiches Bild, zwei mögliche Geschichten — die Richtung davor entscheidet mit.

Taucht es am Ende eines klaren Trends auf, liest man es naheliegend als Umkehr. Taucht dieselbe Formation mitten in einer bestehenden Bewegung auf, kann sie genauso gut nur eine Fortsetzung sein — die Marktrichtung vor dem Muster entscheidet mit, welches Szenario wahrscheinlicher ist.

Alle Kursverläufe auf dieser Seite sind erzeugt, keine Marktdaten. Sie zeigen die Form, nicht einen konkreten Wert.

Jetzt du: zwei Aufgaben

In der ersten Aufgabe steht bereits ein Marubozu als Kerze 1, und für die Gegenkerze stehen drei blass eingezeichnete Varianten daneben — meist zwei der häufigsten Verwechslungen und die echte Formation. In der zweiten suchst du selbst: In einem langen Verlauf stecken fest eingebaute Kicking Patterns, dazu ein paar Beinah-Treffer mit sichtbarem Docht. Ein Regler bestimmt, wie viel Docht du noch als Marubozu durchgehen lässt — die Lücke selbst kennt dagegen gar keine Toleranz.

Vorgehen in Aufgabe A: Erst die gestrichelte Linie suchen — das ist die Kante von Kerze 1, die eine echte Lücke nie berühren darf. Dann prüfen, welche Variante wirklich jenseits davon eröffnet. Und erst zuletzt auf den Docht schauen: eine Variante kann die Lücke haben und trotzdem kein Marubozu mehr sein.
Vorgehen in Aufgabe B: Erst suchen — klick im Chart auf die zweite Kerze einer Formation. Bei jedem Fehlklick bekommst du den Grund genannt: falsche Farben, zu kleiner Körper, überlappende Spannen oder zu viel Docht für die aktuelle Toleranz. Zieh danach den Regler nach rechts: Der Chart bleibt derselbe, aber plötzlich zählen mehr Beinah-Treffer als Marubozu. Eine Formation mit Überschneidung wird dabei nie zum Treffer — das ist der Unterschied zwischen Docht und Lücke.

Bestätigung: aus dem Bild wird erst später eine Richtung

Ein Einstieg ist am Ende von Kerze 2 möglich, konservativer ist das Abwarten, bis der Kurs am Folgetag über das Hoch von Kerze 2 steigt — bärisch entsprechend mit einem Schluss unter deren Tief.

Das ist eine strengere Hürde als bei vielen Nachbarmustern, weil das Kicking Pattern selbst schon so viel Dramatik zeigt, dass man versucht ist, sie mit Bestätigung gleichzusetzen. Beide sind nicht dasselbe: Die Formation beschreibt einen abrupten Stimmungsumschwung, keine Garantie, dass er trägt.

Erst der Schluss über dem Hoch von Kerze 2 macht aus dem Bild eine Richtung.

Wie ich das einordne

Das ist mein eigenes Raster, keine Regel und keine Empfehlung. Andere lesen dieselben Kerzen anders.

Sechs Lagen, die im Chart wirklich vorkommen.
Was im Chart stehtWas das bedeutetWie ich das einordne
Sichtbarer Docht auf einer der Kerzen Kein echter Marubozu mehr Kein Kicking
Der häufigste Fehler überhaupt. Ich zähl den Docht-Anteil, statt ihn zu überlesen.
Handelsspannen berühren oder überschneiden sich Die Lücke ist keine echte Lücke Kein Kicking
Auch bei ansonsten perfekten Marubozu-Kerzen: ohne freie Spanne kein Kicking Pattern.
Beide Kerzen dochtlos, echte Lücke, deutlich grösser als Nachbarn Sauberes Kicking Pattern Kandidat
Der Fall, auf den diese Lektion zuläuft. Auch hier gilt: einzelne Verläufe können völlig anders weitergehen.
Formation am Ende eines klaren Trends Eher als Umkehr zu lesen Umkehr-Kandidat
Der Trend davor gibt an, was sich hier drehen könnte.
Formation mitten in einer bestehenden Bewegung Eher als Fortsetzung zu lesen Fortsetzung-Kandidat
Nichts dreht sich, wenn es vorher schon in dieselbe Richtung lief.
Folgekerze schliesst nicht über dem Hoch (bzw. unter dem Tief) von Kerze 2 Bestätigung fehlt Noch offen
Dann bleibt es für mich eine Momentaufnahme, keine Richtung.

Die Reihenfolge zählt: erst die Lücke prüfen, dann den Docht, dann den Kontext. Wer bei der Struktur anfängt, findet das Muster überall.

Die vier Fehler, die fast alle machen

  • Fehler 1Dramatik mit Zuverlässigkeit verwechselt. Ein grosser Gap und zwei perfekte Marubozu-Kerzen wirken beeindruckend — das sagt für sich genommen nichts über die tatsächliche statistische Verlässlichkeit aus.
  • Fehler 2Sichtbare Dochte übersehen. Kerze 1 oder Kerze 2 werden auch dann als Marubozu gewertet, wenn sie einen erkennbaren Docht haben. Das Muster verliert dadurch an Aussagekraft.
  • Fehler 3Die Lücke zu grosszügig ausgelegt. Es reicht nicht, wenn sich die Kerzen fast berühren — die Handelsspannen dürfen sich gar nicht überschneiden.
  • Fehler 4Grobe Annäherungen als vollwertiges Signal gehandelt. Weil das Muster so selten ist, wird jedes „sieht fast aus wie Kicking“ vorschnell als starkes Signal gefeiert.

Mir ist Fehler 2 selbst passiert. Ich hatte ein Bild im Kopf schon als „todsicher“ abgehakt, bevor ich den Docht auf der zweiten Kerze überhaupt bewusst wahrgenommen hatte.

Was das Muster nicht kann

Hier muss ich ehrlich sein: Das Kicking Pattern ist eines der seltensten Bilder im ganzen Chart — und genau diese Seltenheit macht es schwer, seine Trefferquote sauber zu belegen.

Je enger die Definition — echte Lücke, praktisch kein Docht, deutlich grösser als die Nachbarn — desto seltener das Muster, und desto weniger belastbare Fälle gibt es, um eine Quote überhaupt zu berechnen. Wer die Kriterien aufweicht, findet das Muster plötzlich überall. Dann ist es nicht mehr selten, sondern nur noch großzügig ausgelegt — und genau darüber sagt keine Statistik mehr etwas Verlässliches.

Lehrbuchreif — und trotzdem zurück auf Feld eins.

Dazu kommt der Punkt aus dem Kapitel davor: Selbst ein sauberes Kicking Pattern sagt nichts darüber, ob es eine Umkehr oder nur eine Fortsetzung ist — das entscheidet sich erst danach, nicht in der Formation selbst.

Ein dramatisches Bild ist noch kein zuverlässiges Signal. Genau das macht dieses Muster so leicht zu überschätzen.

Und das Wichtigste zum Schluss: Auch ein lehrbuchmässiges Kicking Pattern schützt nicht davor, dass sich eine Bewegung dreht, kaum dass sie bestätigt scheint. Einzelne Verläufe können weit über das hinausgehen, was die Formation nahelegt.

Deine Aufgabe für diese Woche

Dreissig Sekunden, kein Geld. Nimm einen Wert, den du ohnehin im Depot hast oder beobachtest, und stell den Chart auf Tageskerzen.

  • 1Geh das letzte Jahr durch und such nach einer Kerze mit fast keinem Docht.
  • 2Prüf, ob der Folgetag mit einer echten Kurslücke eröffnet — ohne jede Überschneidung der beiden Handelsspannen.
  • 3Schau dir die zweite Kerze genau an: wirkt auch sie wie ein echter Marubozu, oder hat sie einen Docht? Nur nachschauen, nichts kaufen und nichts verkaufen.

Findest du ein sauberes Kicking Pattern: Poste den Screenshot in der Community und sei ehrlich in der Einschätzung. Bei einem so seltenen und laut Statistik unzuverlässigen Muster lohnt sich gerade hier besonders genaues Hinsehen, bevor man von einem „starken Signal“ spricht.

Sitzt es?

Kerze 1 ist rot, läuft von 110 auf 100, kaum Docht (Hoch 110,05 / Tief 99,95). Kerze 2 eröffnet bei 108 und schliesst bei 118, ebenfalls kaum Docht. Was steht da?

Kerze 1 reicht bis 110,05. Kerze 2 eröffnet bei 108 — das liegt noch innerhalb dieser Spanne. Für eine echte Lücke müsste Kerze 2 komplett über 110,05 eröffnen. Sieht dramatisch aus, ist aber keine echte Lücke.

Was unterscheidet ein echtes Kicking Pattern von einer gewöhnlichen Gegenkerze mit Aufwärtsgap?

Eine gewöhnliche Gegenkerze mit Gap reicht für viele Umkehrmuster. Kicking ist strenger: beide Kerzen müssen echte Marubozu sein, und die Spannen dürfen sich an keiner Stelle berühren.

Ein lehrbuchmässiges Kicking Pattern steht im Chart. Was folgt daraus?

Die Formation zeigt einen abrupten Stimmungsumschwung, keine Prognose. Ihre Seltenheit macht eine saubere Trefferquote schwer belegbar, und ob sie Umkehr oder Fortsetzung ist, entscheidet der Kontext davor.

Simulierte Werte · Bildung, keine Anlageberatung · Stand 08/2026
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